Klinik Hoher Meißner Bad Sooden-Allendorf - Fachklinik und Reha-Klinik für Physikalisch-Rehabilitative Medizin und Schmerzbehandlung.
Druckversion vom 16.12.2010
URL: http://www.reha-klinik.de/informationsforum/progressive-muskelentspannung.html
In der Rehabilitationsmedizin nehmen Entspannungstrainings einen
zunehmend wichtigen Platz in der Behandlung chronischer
Erkrankungen ein: Viele Forschungsergebnisse belegen einen
positiven Einfluss der Progressiven Muskelentspannung auf eine
Vielzahl von Erkrankungen und Beschwerden: chronische
Schmerzerkrankungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates,
Kopfschmerzen, Migräne, psychosomatische Beschwerden,
Herz-Kreislauf-Beschwerden, z.B. Bluthochdruck, Störungen des
Magen-/Darmtraktes, aber auch Angststörungen, Nervosität und innere
Unruhe.
Progressive Muskelentspannung spielt aber auch bei der Prävention
von Erkrankungen eine wichtige Rolle: so kann z.B. regelmäßiges
Üben einer Muskelentspannung die Fähigkeit stärken, mit Stress und
Alltagsbelastungen umzugehen und auf diese Weise der Entstehung von
Krankheiten entgegenwirken.
Die Grundidee der progressiven
Muskelentspannung
Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass muskuläre Anspannung
oft das Resultat psychischer Belastungen und alltäglichen Stresses
ist und eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von
gesundheitlichen Beschwerden spielt.
Edmund Jacobson (1885 - 1976), der als Internist in den USA
praktizierte, begann 1908 seine medizinischen Forschungen über
progressive Muskelentspannung an der Harvard Universität. Seine
jahrzehntelangen Untersuchungen führten ihn zu der
Schlussfolgerung, dass psychische Spannungen immer von
Muskelkontraktionen begleitet sind und dass sich umgekehrt die
Entspannung der Muskeln gleichzeitig positiv auf das Körpergefühl
und das Seelenleben auswirkt. Unter anderem wurden bei jungen
Soldaten die Auswirkungen der Angst registriert, wenn sie nach
kurzer Ausbildung kriegerische Flugeinsätze hatten. Das machte es
notwendig, ein Trainingsprogramm zu entwickeln, das auf relativ
einfache Art die Angst vermindert. Es zeigte sich, dass die
Muskelentspannung der direkte physiologische Gegensatz zu allen
Arten von Ängsten und psychischen Spannungen ist. Drei
Grundvoraussetzungen beim Lernen sind wesentlich:
Bei der progressiven Muskelentspannung lernen Sie, sich durch eine intensiv erlebte Entspannung der Muskeln innerlich zu beruhigen. Sie gewöhnen sich an, auf Anspannung sofort mit Entspannung zu reagieren, und können dadurch selbst in Stresssituationen die Ruhe bewahren. Sie reagieren ganz allgemein gelassener auf Aufregung, Angst oder Ärger. Darüber hinaus entwickeln Sie nach und nach eine verbesserte Sensibilität für Verspannungen in Alltagssituationen und können dadurch frühzeitig auf körperliche Verspannungen reagieren.
Wie wirkt die Progressive
Muskelentspannung?
Die Reaktion der Entspannung gehört zum Verhaltensrepertoire, das
in der Natur jedes Menschen verankert ist. Entspannung lässt sich
von jedem Hilfesuchenden erlernen und durch Üben immer leichter und
verlässlicher hervorrufen. So soll sich schließlich auf eigenen
"Befehl" ein Muster in Gang setzen, das aus charakteristischen
Veränderungen vegetativer und zentralnervöser Prozesse
besteht.
Die Entspannungsreaktion ist an psychologischen und physiologischen
Kennzeichen zu erkennen.
Folgende psychische Faktoren zeigen sich bei allen
Entspannungsverfahren: Gelassenheit, mentale Frische nach dem Üben
bzw. Zunahme der Merk- und Konzentrationsfähigkeit,
Schmerzlinderung, Möglichkeit sich leichter vor Außenreizen zu
schützen, Förderung des Erlebens, die körperliche und psychische
Befindlichkeit selbst beeinflussen zu können.
Folgende körperliche Faktoren finden sich bei allen
Entspannungsverfahren: Abnahme der Spannung der Skelettmuskulatur,
Veränderungen im Kreislaufsystem, wie langsamerer Pulsschlag,
Senkung des Blutdrucks, Regulierung der Atemtätigkeit, Zunahme der
Hautleitfähigkeit und Steigerung der Gehirndurchblutung.
Progressive Muskelentspannung und chronischer
Schmerz
Eine besondere Rolle spielt die Progressive Muskelentspannung
nachgewiesenermaßen auch bei der Behandlung des chronischen
Schmerzes und gilt heute als eine erfolgreiche Methode der
Schmerzbewältigung. Edmund Jacobson beschäftigte sich als Arzt und
Wissenschaftler zu Beginn unseres Jahrhunderts intensiv mit der
Funktionsweise der Muskulatur. Dabei fiel ihm auf, dass innere
Unruhe, aber auch der "normale" Stress, dem wir tagtäglich
ausgesetzt sind, zu Verspannungen der Muskulatur führen kann. Ein
Mensch, der innerlich angespannt ist, ist auch muskulär angespannt.
Bei Schmerzpatienten kann dies allerdings zu einer Zunahme der
Schmerzen führen. Lang anhaltende Verspannungen von Körperpartien
führen zu einer Verengung der Blutgefäße in den Muskeln und
infolgedessen zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff und
Nährstoffen. Es kommt zu einer Reizung der empfindlichen
Schmerzsinneszellen in den Muskeln und damit zu einer Verstärkung
der Schmerzen. Umgekehrt gilt aber auch: Sensibilität für
Muskelverspannungen und regelmäßige Entspannung der Muskulatur sind
ein wirksames Mittel zur Verringerung chronischer
Schmerzzustände.
Dies kommt den meisten Patienten zugute, die darüber hinaus die
Erfahrung machen, selbst etwas gegen ihren Schmerz tun zu können.
Wir haben es also mit einem Zusammenhang von Psyche und Körper zu
tun, der in beide Richtungen besteht: Die Psyche wirkt auf den
Körper - und umgekehrt können körperliche Veränderungen Änderungen
im psychischen Befinden hervorrufen. Das regelmäßige Praktizieren
des Trainings ist im Sinne eines gesundheitlichen Schutzfaktors ein
wichtiger eigener Beitrag, um die seelische und körperliche
Gesundheit zu schützen und zu stärken.
Funktionsweise der Progressiven
Muskelentspannung
Wörtlich übersetzt heißt Progressive Entspannung: voranschreitende
Entspannung. Hiermit wird der systematische Aspekt gut beschrieben.
Mit Hilfe der dargestellten Technik wird Muskelgruppe für
Muskelgruppe entspannt und dadurch ein sich vertiefender
Ruhezustand erreicht. Das Training der Progressiven
Muskelentspannung ist einfach zu erlernen. Das ursprüngliche
Vorgehen war jedoch sehr zeitaufwendig, da Jacobson ein sehr
detailliertes Üben empfiehlt und auch recht kleine Muskelgruppen
einbezieht. Aus diesen Gründen wird das Training heute kaum noch in
der ursprünglichen Weise praktiziert. Es gibt viele Abwandlungen,
wobei das Grundprinzip der progressiven Muskelentspannung jedoch
gleich ist. Die verschiedenen Trainingsübungen unterscheiden sich
vor allem in der Anzahl der einbezogenen Muskelgruppen. Bei den
ausführlicheren Trainingsprogrammen wird meist ein Vorgehen
gewählt, das die folgenden Muskelgruppen einbezieht: Hände und
Unterarme, Oberarme, Stirn, Wangenpartie und Nase, Kiefer, Nacken
und Hals, Brust, Schultern und Rücken, Bauchmuskulatur,
Oberschenkel und Gesäßmuskeln, Unterschenkel und Füße.
Progressive Muskelentspannung kann am besten in einem ruhigen Raum
im Liegen oder im Sitzen durchgeführt werden. Nach einer
Einleitung, meistens Aufmerksamkeitslenkung auf die Atmung, werden
die Muskelgruppen (z.B. Hand und Unterarm durch Ballen der Faust)
jeweils für 5 - 10 Sekunden angespannt. Das Anspannen sollte nicht
zu stark sein (die Übung hat nichts mit Krafttraining zu tun!).
Danach wird die Spannung wieder gelöst. Während der anschließenden
Ruhephase von etwa 30 Sekunden vertieft sich die Entspannung "mit
jedem Ausatmen" etwas mehr. Die Aufmerksamkeit ist dabei auf die
Empfindungen im jeweiligen Körperteil gerichtet. Diese
Entspannungsphase wird als angenehm und wohltuend erlebt. Danach
sind die Muskelpartien des Oberarmes an der Reihe, dann die des
Gesichtes, und nach und nach schreiten die Übungen über alle
Muskelgruppen des Körpers voran.
Durch die Konzentration auf die Entspannungsempfindungen lässt sich
der Ruhezustand deutlich vertiefen. Viele Kursteilnehmer berichten
nach der progressiven Muskelentspannung von Wärmegefühlen,
angenehmer körperlicher Schwere, Prickeln oder Pulsieren oder
einfach von einem wohltuenden Gefühl der Entspannung.
Bei Fragen können Sie sich gern mit mir zum Thema
Muskelentspannung nach Jacobson in Verbindung setzen.
Ich bin unter der E-Mail-Adresse Orthopädie zu
erreichen.
Mit allen guten Wünschen für Ihre Gesundheit
Dr. med. P. Brückner
und orthopädisches Team der Klinik Hoher Meissner 37242 Bad Sooden-Allendorf