Klinik Hoher Meißner Bad Sooden-Allendorf - Fachklinik und Reha-Klinik für Physikalisch-Rehabilitative Medizin und Schmerzbehandlung.
Druckversion vom 24.02.2009
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Spaßgerät Pezzi-Ball: In der Krankengymnastik-Gruppe arbeiten die Schlaganfall-Patienten auch mit den großen Gymnastikbällen FOTO: MSX
Bad Sooden-Allendorf. Ein Kinderspiel! Da
sitzen sechs erwachsene Menschen an einem Tisch und rollen die
bunte Masse, die sonst in Kinderzimmern herumliegt. Sie drehen
Würste mit ausgestrecktem Finger vorsichtig ein. Oskar Kauer und
Gisela Lückert führen ihre Zeigefinger vorsichtig auf die weiche
Knete - als setzen sie mit dem Skalpell einen Schnitt.
Es ist kein Kinderspiel für die Sechs, die beim scheinbar so
leichten Kneten an ihre Grenzen geraten. Es ist harte Arbeit, die
ihnen alle abverlangt: Konzentration, Gefühl und Kraft. Dieses gilt
es zu dosieren. Deshalb sitzt auch eine Ergotherapeutin mit am
Tisch, gibt Anweisungen, muntert auf. "Schön drücken, aber nicht zu
fest." "Ich will zu viel Kraft einsetzen", schildert Patientin
Margot Witzel. "Manchmal geht es nicht."
90 Minuten Ergotherapie, davor Krankengymnastik - beides in der
Klinik Hoher Meissner. Und nach der Arbeit das Vergnügen: das
Treffen der Schlaganfall-Selbsthilfegruppe Werra-Meissner.
Eine Knetrolle drehen und eindellen. Wie weit waren sie davon
entfernt? Lichtjahre. Doch alle sechs, die einst der Schlag und das
Schicksal wie ein Blitz traf, mühen sich und scherzen dabei, haben
gekämpft. Wollten aufgeben. Haben weitergemacht. Wollten sprechen,
doch aus dem Mund kamen andere Silben als der Kopf vorgab. Sie
haben sprechen gelernt. Ging nicht. Haben auch das Greifen gelernt.
Wollten Kneten. Ging nicht. Nun drehen sie Knetwürste.
Die Fortschritte nach einem Schlaganfall verdienen diese
Bezeichnung nicht: Denn Millimeter für Millimeter quälen sich
Getroffene voran. Manchmal geht es rückwärts. " Dann darfst du
nicht aufhören - musst weiter machen, immer weiter machen", sagt
Gisela Lückert, die einst eine Gehirnblutung aus dem Alltag riss
und die heute blendend aussieht: gesund, vital, mit viel
Lebensfreude in den Augen.
Gisela Lückert hat Freude, wenn sie hier mit Gleichgesinnten sitzt.
"Es ist wie arbeiten gehen", sagt die Frau mit dem flotten
Kurzhaarschnitt, die früher keine Ruhe kannte. Nur Arbeit, die zum
Dauerstress wurde.
Das ist vorbei "Ich mache viel weniger", sagt sie. Denn Stress darf
nicht sein. Und die vielen Gedanken, die sie gleichzeitig im Kopf
hatte, muss sie sortieren, ausmisten. Man darf nur einen Gedanken
verfolgen, eine Sache tun, sagt Oskar Kauer, die anderen
nicken.
Sie sind weit voran gekommen, sind selbstständig, fahren Auto, wie
Margot Witzel, die Vorsitzende Der Selbsthilfegruppe Schlaganfall.
Sie hält sogar Reden, wie vor dem abendlichen Teeseminar dass die
Gruppe.
"Alleine", sagt Margot Witzel , "hätte ich das nicht geschafft. Die
anderen nicken. Sie hat Tränen in den Augen. Ihr Mann, der ihr so
unendlich geholfen hat, ist tot.
Deshalb ist für Margot Witzel, aber auch für die anderen, die
Gruppe so wichtig. Hier kann geredet werden, über Alltägliches,
über Probleme, über Lustiges. "Die Gruppe gibt Halt", sagt Witzel.
Und Motivation, weiter zu machen.
Dr. Carsten Schröter, Chefarzt der Neurologie in der Klinik Hoher
Meissner, habt die Selbsthilfegruppe gegründet. Er beobachtet die
Therapie-Einheit : "Es ist eine homogene, harmonische Gruppe." Der
Austausch untereinander sei enorm wichtig, ebenso die entspannte
Atmosphäre. "Dabei wird viel Druck abgebaut und die Gruppe fängt
Schicksalsschläge auf", hat Schröter festgestellt.
Für den Neurologen ist die Gruppe eine Fundgrube: "Ich kann hier
langfristig Therapie -Ergebnisse verfolgen, die mir sonst, wenn ich
die Patienten nur während der Reha sehe, verborgen bleiben."
"Man verliert die Freude", sagt Lückert. Die Außenwelt - manchmal
gar Freunde - lassen die Gehandikapten spüren: "Was will man mit
den Krüppeln?" Das tut weh. Selbst im Kleinod Dorf werden Freunde
zu Aussortierten.
Bei der Dienstag-Therapie und dem monatlichen Treffen der
Schlaganfall-Gruppe holen sie sich diese Freude zurück. Hier gibt
es Verständnis. "Man kann sich frei bewegen." Fern jeder
Konkurrenz, jeder Ressentiments. Im Gegenteil: Hier werden
Veranstaltungen geplant, zur Krankheit, zur Zerstreuung - Referate
wie Busfahrten. Und man baut sich gegenseitig auf.
Margot Witzel erwischte es mit 28. Totale Spastik. Nichts ging. Mit
35 war sie zurück. Im Leben. Später machte sie den Führerschein.
Das erwähnt sie beiläufig. Das Lob liefert die Gruppe : "Was hast
du nicht alles geschafft?", sagt Gisela Lückert anerkennend.
Sie selbst hat gerade einen Meilenstein gesetzt, geht mittlerweile
einen Kilometer weit zu Fuß. "Das ist doch was!", kommt es aus der
Runde. Ein Gesunder könnte dieses Hochachtung so enthusiastisch
nicht aussprechen. Gesunden fehlt die Erfahrung, um solche
Leistungen einzuschätzen.
"Es dauert Jahre so einen Schlag im Kopf zu verarbeiten, Jahre",
sagt Margot Witzel nachdenklich und widmet sich wieder der Knete,
beginnt mit den Fingern die grüne Kugel zu rollen. Ein
Kinderspiel?

Spaßige Knetarbeit: Gisela Lückert, Margot Witzel und Oska
Kauer
bei Übungen in der Klinik Hoher Meissner.
FOTO: TKO