Klinik Hoher Meißner Bad Sooden-Allendorf - Fachklinik und Reha-Klinik für Physikalisch-Rehabilitative Medizin und Schmerzbehandlung.
Druckversion vom 24.02.2009
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Seite: Du musst immer weiter machen


Du musst immer weiter machen

Spaßgerät Pezzi-Ball: In der Krankengymnastik-Gruppe arbeiten die Schlaganfall-Patienten auch mit den großen Gymnastikbällen FOTO: MSX
Spaßgerät Pezzi-Ball: In der Krankengymnastik-Gruppe arbeiten die Schlaganfall-Patienten auch mit den großen Gymnastikbällen FOTO: MSX

Schlaganfall-Betroffene finden Halt in einer Selbsthilfegruppe und der Therapie
(HNA vom 15 03.2003)

Bad Sooden-Allendorf. Ein Kinderspiel! Da sitzen sechs erwachsene Menschen an einem Tisch und rollen die bunte Masse, die sonst in Kinderzimmern herumliegt. Sie drehen Würste mit ausgestrecktem Finger vorsichtig ein. Oskar Kauer und Gisela Lückert führen ihre Zeigefinger vorsichtig auf die weiche Knete - als setzen sie mit dem Skalpell einen Schnitt.
Es ist kein Kinderspiel für die Sechs, die beim scheinbar so leichten Kneten an ihre Grenzen geraten. Es ist harte Arbeit, die ihnen alle abverlangt: Konzentration, Gefühl und Kraft. Dieses gilt es zu dosieren. Deshalb sitzt auch eine Ergotherapeutin mit am Tisch, gibt Anweisungen, muntert auf. "Schön drücken, aber nicht zu fest." "Ich will zu viel Kraft einsetzen", schildert Patientin Margot Witzel. "Manchmal geht es nicht."
90 Minuten Ergotherapie, davor Krankengymnastik - beides in der Klinik Hoher Meissner. Und nach der Arbeit das Vergnügen: das Treffen der Schlaganfall-Selbsthilfegruppe Werra-Meissner.
Eine Knetrolle drehen und eindellen. Wie weit waren sie davon entfernt? Lichtjahre. Doch alle sechs, die einst der Schlag und das Schicksal wie ein Blitz traf, mühen sich und scherzen dabei, haben gekämpft. Wollten aufgeben. Haben weitergemacht. Wollten sprechen, doch aus dem Mund kamen andere Silben als der Kopf vorgab. Sie haben sprechen gelernt. Ging nicht. Haben auch das Greifen gelernt. Wollten Kneten. Ging nicht. Nun drehen sie Knetwürste.
Die Fortschritte nach einem Schlaganfall verdienen diese Bezeichnung nicht: Denn Millimeter für Millimeter quälen sich Getroffene voran. Manchmal geht es rückwärts. " Dann darfst du nicht aufhören - musst weiter machen, immer weiter machen", sagt Gisela Lückert, die einst eine Gehirnblutung aus dem Alltag riss und die heute blendend aussieht: gesund, vital, mit viel Lebensfreude in den Augen.
Gisela Lückert hat Freude, wenn sie hier mit Gleichgesinnten sitzt. "Es ist wie arbeiten gehen", sagt die Frau mit dem flotten Kurzhaarschnitt, die früher keine Ruhe kannte. Nur Arbeit, die zum Dauerstress wurde.
Das ist vorbei "Ich mache viel weniger", sagt sie. Denn Stress darf nicht sein. Und die vielen Gedanken, die sie gleichzeitig im Kopf hatte, muss sie sortieren, ausmisten. Man darf nur einen Gedanken verfolgen, eine Sache tun, sagt Oskar Kauer, die anderen nicken.
Sie sind weit voran gekommen, sind selbstständig, fahren Auto, wie Margot Witzel, die Vorsitzende Der Selbsthilfegruppe Schlaganfall. Sie hält sogar Reden, wie vor dem abendlichen Teeseminar dass die Gruppe.
"Alleine", sagt Margot Witzel , "hätte ich das nicht geschafft. Die anderen nicken. Sie hat Tränen in den Augen. Ihr Mann, der ihr so unendlich geholfen hat, ist tot.
Deshalb ist für Margot Witzel, aber auch für die anderen, die Gruppe so wichtig. Hier kann geredet werden, über Alltägliches, über Probleme, über Lustiges. "Die Gruppe gibt Halt", sagt Witzel. Und Motivation, weiter zu machen.
Dr. Carsten Schröter, Chefarzt der Neurologie in der Klinik Hoher Meissner, habt die Selbsthilfegruppe gegründet. Er beobachtet die Therapie-Einheit : "Es ist eine homogene, harmonische Gruppe." Der Austausch untereinander sei enorm wichtig, ebenso die entspannte Atmosphäre. "Dabei wird viel Druck abgebaut und die Gruppe fängt Schicksalsschläge auf", hat Schröter festgestellt.
Für den Neurologen ist die Gruppe eine Fundgrube: "Ich kann hier langfristig Therapie -Ergebnisse verfolgen, die mir sonst, wenn ich die Patienten nur während der Reha sehe, verborgen bleiben."
"Man verliert die Freude", sagt Lückert. Die Außenwelt - manchmal gar Freunde - lassen die Gehandikapten spüren: "Was will man mit den Krüppeln?" Das tut weh. Selbst im Kleinod Dorf werden Freunde zu Aussortierten.
Bei der Dienstag-Therapie und dem monatlichen Treffen der Schlaganfall-Gruppe holen sie sich diese Freude zurück. Hier gibt es Verständnis. "Man kann sich frei bewegen." Fern jeder Konkurrenz, jeder Ressentiments. Im Gegenteil: Hier werden Veranstaltungen geplant, zur Krankheit, zur Zerstreuung - Referate wie Busfahrten. Und man baut sich gegenseitig auf.
Margot Witzel erwischte es mit 28. Totale Spastik. Nichts ging. Mit 35 war sie zurück. Im Leben. Später machte sie den Führerschein. Das erwähnt sie beiläufig. Das Lob liefert die Gruppe : "Was hast du nicht alles geschafft?", sagt Gisela Lückert anerkennend.
Sie selbst hat gerade einen Meilenstein gesetzt, geht mittlerweile einen Kilometer weit zu Fuß. "Das ist doch was!", kommt es aus der Runde. Ein Gesunder könnte dieses Hochachtung so enthusiastisch nicht aussprechen. Gesunden fehlt die Erfahrung, um solche Leistungen einzuschätzen.
"Es dauert Jahre so einen Schlag im Kopf zu verarbeiten, Jahre", sagt Margot Witzel nachdenklich und widmet sich wieder der Knete, beginnt mit den Fingern die grüne Kugel zu rollen. Ein Kinderspiel?

Spaßige Knetarbeit: Gisela Lückert, Margot Witzel und Oska Kauer bei Übungen in der Klinik Hoher Meißner. FOTO: TKO
Spaßige Knetarbeit: Gisela Lückert, Margot Witzel und Oska Kauer
bei Übungen in der Klinik Hoher Meissner.
FOTO: TKO





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