

Psychologe Jürgen K. Baum
(Schrot & Korn , bio verlag gmbh 9.10.2008)
Der Psychologe Jürgen K. Baum leitet den
Bereich Verhaltensmedizin/Psychotherapie
an der Reha-Klinik Hoher Meissner in Bad
Sooden-Allendorf.
Welche Ursachen gibt es für Rückenschmerzen?
Bei über 90 Prozent der Patienten haben
Rückenschmerzen unspezifische Ursachen. Untersuchungen zeigen, dass
nicht nur schwere Arbeit, insbesondere in rückenbelastenden
Positionen, zu Schmerzen führt. Das Risiko einer Rückenerkrankung
steigt dagegen erheblich an, wenn die Betroffenen mit den Inhalten
ihrer Arbeit oder den Bedingungen unzufrieden sind. Psychische
Belastungen spielen also für das Auftreten von Rückenschmerzen eine
größere Rolle als schweres Heben und Tragen.
Woran erkennen Sie, dass psychische Gründe
vorliegen?
In ausführlichen Gesprächen erfahren wir von den Belastungen und
psychosozialen Rahmenbedingungen der Betroffenen und auch, wie sie
diese Situation bewerten und darauf reagieren. Darüber hinaus
liefern uns diverse Fragebögen, etwa zum Thema Schmerzbewältigung,
Aussagen über mögliche Zusammenhänge.
Wie vermitteln Sie, dass die Seele ein ernst zu
nehmender Faktor ist?
Viele Menschen sind skeptisch, sie denken, dass Simulieren oder
Übertreiben gemeint sei. Über neurobiologische Studien lässt sich
das jedoch gut darstellen: In unserem Gehirn ist der Thalamus das
Schaltzentrum für Stimmungen und Stressbefinden. Somit hängt es
vom Wahrnehmen, gedanklichen Bewerten und Verhalten ab, wie stark
Schmerz empfunden wird. Ein Beispiel: Wer sich nach der
Gartenarbeit die Hände wäscht, bemerkt oft erst dann eine
Verletzung. Man war zu vertieft, um den Schmerz wahrzunehmen. Würde
ich aber ankündigen, Ihnen gleich mit dem Skalpell die Hand zu
ritzen, würden Sie Schmerz empfinden, noch bevor es Sie
berührt.
Selbstverständlich können psychische Faktoren auch positiven Einfluss haben. Wer sich trotz Schmerzen motiviert, regelmäßig Sport zu treiben, stärkt seine Muskulatur und macht sie schmerzunempfindlicher. Dadurch kommt oft das Selbstvertrauen zurück. Denn: Richten wir unsere Aufmerksamkeit gezielt auf Tätigkeiten, die Spaß machen, steht der Schmerz nicht mehr im Zentrum des Bewusstseins.
Was sagen Ihre Patienten dazu?
In den meisten Fällen reagieren sie kopfnickend. Andere jedoch sind
überrascht, wenn ihnen im Nachhinein der Zusammenhang von
Befindlichkeit und Schmerz bewusst wird.
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Aktualisiert am 24.02.2009